Atem und Freiheit

Atem und Freiheit

Abgeleitet aus dem altindischen Sanskrit soll mit dem Wort „Atman" „das in uns wirksame Göttliche" beschrieben werden. Bei allen Völkern unserer Erde finden wir überdies Hinweise auf die Heilkraft des Atems. So war in China die Kunst, Krankheitszustände mittels Ateman­wendungen zu behandeln, noch vor der Akupunktur bekannt. In Tibet und in Indien gehen die Wurzeln der meditativen Prak­tiken und der Yoga-Techniken auf Atemübungen zurück, die der Erhaltung und der Wiederherstellung der Gesundheit dien­ten. Mütter aller Zeiten und Kulturen haben bei ihren Kindern mit ihrem Atem Verletzungen angehaucht oder angepustet. Vielfach wird der Atem nicht nur als Träger heilender Kräfte angesehen, sondern mit dem Leben selbst gleichgesetzt. So lesen wir in der biblischen Schöpfungsgeschichte, dass der Schöpfer einer aus Erde geformten Menschengestalt seinen Odem einblies und dadurch den Menschen zum Leben erweckte.

In unserem Kulturkreis und in der heutigen Zeit wird mit dem Wort „Atem" ganz profan die Luft bezeichnet, die jemand aus- und ein­atmet. Dabei umfasst die Atmung sehr viel mehr Vorgänge als das ‚Ein und Aus' des Atmens, die nur ein Teil der äußeren Atmung sind. Die Atmung ist auch Teil unseres Energie­haushalts und stellt uns in eine permanente Austauschbeziehung und Verbindung mit der uns umgebenden Welt. Hinzu kommt, dass unsere Geschichte sowie unsere Lebenserfahrungen unseren eigenen, ganz persönlichen Atem- und Austauschrhythmus nachhaltig prägen und bestimmen. Darauf bewusst und gezielt Einfluss zu nehmen, kann buchstäblich neue Frei-Räume schaffen. So ist die Intensivierung des Atmens und die Veränderung des Atemrhythmus eine (uralte) Möglichkeit, körperliche und seelisch-geistige Hindernisse zu erkunden und zu lösen. Unter einer bewusst verstärkten Atmung können körperliche und emotionale Spannungen deutlicher erfahrbar und Erinnerungen an frühe Lebenserfahrungen reaktiviert werden. Damit öffnet sich eine neue Erlebnis- und Sehweise; körperliche Spannungen, Ängste und Bedrohungen können Linderung erfahren, und es erschließen sich weitere Möglichkeiten, mit Schwierigkeiten umzugehen und bisher nicht genutzte Potentiale zu verwirklichen. So kann bewusstes Atmen neue Freiheiten schaffen.

Während des Atemgeschehens treten häufig sehr ungewöhnliche Erfah­rungen auf, die die Person des Einzelnen überschreiten und trans­personale oder auch spirituelle Kraft haben. Dadurch ist das bewusste Atmen eine sehr intensive Form der Selbsterkundung, die besonders in Lebensphasen wirksam werden kann, in denen es nicht primär um die Bewältigung aktueller Probleme geht, sondern eher um das Bedürfnis nach Neuorientie­rung, nach innerer Tiefe, nach Sinn und emotionaler Freiheit.