"Es gibt nur eine Heilige Schrift, das heilige Buch der Natur, 
die einzige Schrift, die den Leser vollständig erleuchten kann.
Für das Auge des Sehers ist jedes Blatt am Baum eine Seite im heiligen Buch des Lebens.
Erst, wenn Du jedes Blatt als Einzelnes betrachten kannst, siehst du den ganzen Baum;
wenn du den Baum sehen kannst, kannst du den Spirit des Baumes sehen;
wenn du den Spirit eines Baumes sehen kannst, kannst du auch mit ihm reden
und dabei etwas lernen;
über Dich, das Leben und das Wirken des großen Geistes."
Hazrat Inayat Khan

Aufenthalte im Wald und in der Natur tun gut und tragen zum Wohlbefinden bei. Für viele Menschen gehört Naturerfahrung nicht mehr zum Alltag. Sie haben den Bezug zu der sie umgebenden Natur und zum Lebensraum Wald verloren. Das hektische Leben in Städten, ohne den wertvollen Ausgleich in der Natur, führt oftmals zu Stress. Damit verbundene körperliche Begleiterscheinungen nehmen in der Bevölkerung zu, sind Warnsignale unserer Zeit.

Wer hingegen in der Freizeit in den Wald geht, wird schnell bemerken, dass man sich ausgeglichener und ruhiger fühlt. Die Gedanken werden klarer und geordneter, und vielleicht kommen sogar neue Ideen. Denn ist der Stress des Alltags einmal abgelegt, können tiefer liegende Bedürfnisse und Wünsche ins Bewusstsein dringen. Die vielfältigen natürlichen Formen, Farben, Geräusche und Gerüche – fernab von Straßenlärm und Menschenmengen – helfen dabei, ein Gefühl von Weite und Unbeschwertheit entstehen zu lassen. Wald ist ein Ort, wo man zu sich selbst findet, ob alleine oder in Gesellschaft. 

Auch wer nur wenig von Flora und Fauna versteht, weiß sofort, was am Aufenthalt in und am arbeiten mit der Natur heilsam sein kann. Sich mit Bäumen, Pflanzen und Tieren zu befassen, öffnet einen direkten Zugang zur Natur, die nicht nur durch Befühlen und Beschauen, sondern auch über Duft und Geschmack unmittelbar erfahrbar wird. Sonnenschein und Regen, Hitze und Kälte werden wieder erlebt. Das Arbeiten in Wald und Garten lassen den Körper (wieder) spürbar werden, die Gestaltung der Natur verleiht der eigenen Persönlichkeit Ausdruck. Das Miterleben von Werden und Vergehen und von Ruhe und Aktivität im Ablauf der Jahreszeiten macht den Weg für Erfahrungen frei, die persönliche Entwicklung und Sinnfindung fördern können. Regelmäßige Arbeit in der Natur verbessert die körperliche Verfassung mit positiven Wirkungen auf Herz und Kreislauf, den Stoffwechsel und die allgemeine körperliche Fitness. Auch Motivation, Kreativität, Zielstrebigkeit, Verlässlichkeit, Fürsorge und Übernahme von Verantwortung lassen sich in der Arbeit mit der uns umgebenden Natur entwickeln und üben. In der Gruppe und in der Begegnung mit Bewohnern und Gästen des Refugiums können schließlich Selbstsicherheit und soziale Kompetenz geübt und verbessert werden.

Kommen zu den Arbeiten in der Natur zielgerichtete therapeutische Maßnahmen hinzu, kann allein das schon ein großer Vorteil sein. Naturgestalterisches Arbeiten könnte somit als eine interdisziplinäre Behandlungsform beschrieben werden, in der ärztliche, psychotherapeutische und ergotherapeutische Maßnahmen miteinander verbunden werden. Die unmittelbar therapeutischen Zielsetzungen umfassen dabei ein besonders breites Spektrum des menschlichen Seins: vom Spüren und Bewegen über das Fühlen, Denken und Sprechen bis hin zu den sozialen Fertigkeiten. In diesem Sinne erweist sich die Natur als großartige Helferin bei der Heilung unserer physischen, psychischen und seelischen Beschwerden. Sie ist aber ebenso eine großartige Ratgeberin, wenn es um die Erkundung unseres Selbst und die Erkenntnis und Annahme unserer Einbindung in das Ökosystem Erde geht.