Goldegger Dialoge 1998 „Genuss zwischen Wahn und Sinn" 
mit Mag. Bernhard Ludwig, Prof. Dr. Horst-Eberhard Richter, Dr. Rotraud A. Perner, Barbara Rütting, Konstantin Wecker, Dr. Jirina Prekop, Dr. Otto Brusis, Dieter Jarzombek, Ulli Olvedi, Dr. Nossrat Peseschkian, Prof. Dr. Hilarion Petzold, Udo Pollmer, Prof. Dr. Christoph Rueger u.v.a

Dieter Jarzombek - Alltag und Ekstase oder die alltägliche Ekstase

Zahlreiche TeilnehmerInnen waren gekommen, um den Begriff Ekstase für sich transparenter zu machen. Ein bis auch ans Ende gut besuchter Kurs, der aus zwei Drittel Frauen und einem Drittel Männer bestand. Das Durchschnittsalter der TeilnehmerInnen lag bei ca. Ende 40. Die meisten waren durch den Text im Programmheft neugierig geworden. Nur wenige konnten mit dem Namen des Seminarleiters direkt etwas verbinden.

Der Seminarraum war groß und schlicht gehalten. Die Teilnehmer nahmen auf Stühlen Platz, die zu einem Kreis zusammengestellt waren, in der Mitte schmückten Blumen und Kerzen den Raum. Für die passende Atmosphäre sorgten drei Mitarbeiterlinnen, die den Referenten Dieter Jarzombek in seiner Arbeit unterstützten.

Absicht des vier mal zweistündigen Seminars konnte es angesichts des zeitlichen Rahmens nicht sein, alle Teilnehmerinnen in tiefe Trancezustände versinken zu lassen, sondern dem Mythos Ekstase mehr Klarheit zu verleihen. Es ging darum, den TeilnehmerInnen einfache Übungen zu vermitteln, die auch im Alltag zur Schulung des Bewusstseins und der Übung von Achtsamkeit problemlos angewandt werden können.

So bestand das Seminar auch zum überwiegenden Teil aus praktischen Übungen mit dem Ziel, unter Anleitung erste Erfahrungen zum Thema Ekstase zu machen. Vor und nach den Übungen gab es erklärende Erläuterungen, um das Neue nachvollziehbarer zu machen. Für persönliche Fragen und Auswertungen blieb immer Zeit. Auch wenn angesichts des behutsamen Vorgehens des Referenten mehr Erfahrungen eingefordert wurden, so wurde doch im Verlauf des weiteren Seminars deutlich, dass es sehr sinnvoll war, sich langsam an die neuen Methoden zu gewöhnen und sich nicht zu überfordern.

Übungen dieser Art - und seien es auch so einfache wie die in diesem Seminar - führen zu einer erweiterten Wahrnehmung und veränderten Sichtweise, die es gilt zu registrieren und in die Persönlichkeit zu integrieren. Wiederholt machte der Referent darauf aufmerksam, dass die Anwendung der vermittelten Übungen nicht nur zu positiven Gefühlszuständen, sondern auch zur verstärkten Wahrnehmung subjektiv unangenehmer Emotionen, wie z.B. Wut, Trauer, Angst etc. führen kann. Ekstase, so der wiederholte Hinweis, hat sehr viel mit sinnlicher Wahrnehmung, sowie mit dem Durchleben und dem Ausdrücken von Gefühlen zu tun.

Eingesetzt wurden einfache und dennoch wirkungsvolle Elemente von Ekstasetechniken: Musik, rhythmische oder stakkatohafte Bewegungen, verschiedene Düfte und Geschmäcker, Gegenstände zum Ertasten und Erspüren.

In einer der Übungen ging es darum, eine kurze Sequenz aus einem allen bekannten Musikstück auf sich wirken zu lassen. Die TeilnehmerInnen wurden angehalten so zu reagieren, als hätten sie die Musik nie zuvor gehört. Nach mehrmaligen Wiederholungen des Musikstücks machte sich allseits Erstaunen breit. Die Wirkung war bei vielen die gleiche: Freude, ein Gefühl von verstärkter Lebendigkeit und Wachheit. Vorstufen der Ekstase? Stille war im Raum greifbar, spürbar. Schweigend gingen die TeilnehmerInnen auseinander.

Sich an diesen Zustand erinnernd und von Musik unterstützt, begannen auch alle weiteren Seminareinheiten. Und obwohl fast immer ein Tag zwischen den Einheiten lag, entstand nie das Gefühl von Getrenntheit. Die Vertrautheit unter den Teilnehmenden nahm erstaunlich schnell zu.

Bewegungsübungen waren ein weiteres Mittel zur Trance- und Ekstaseinduktion. Allen Tänzen gemeinsam war eine fest vorgeschriebene Reihenfolge sich ständig wiederholender Bewegungsabläufe, die einfach und stereotyp und von monotonen Rhythmen begleitet wurden. Durch die Einfachheit der Bewegungsabläufe waren komplizierte Koordinierungsprozesse nicht erforderlich. Der Körper wiederholte die Bewegungen wie von alleine und der Verstand, nun nicht mehr mit großen Kontrollaufgaben belastet, konnte sich dem Träumen zuwenden. Auch hierbei wies der Leiter darauf hin, dass Ekstasetechniken keineswegs exotische Übungen erfordern würden, sondern auch in unserem Kulturkreis in Form von Festen, Riten und Zeremonien, wenn auch rudimentär und nicht gerade ekstasefördernd, so doch noch immer vorhanden sind. Alle in diesem Seminar gezeigten Übungen lassen sich auf ein Prinzip zurückführen: Entzug von Sinneseindrücken durch Ausschalten bestimmter Reize oder Reizüberflutung.

Was mit Bewustseinserweiterung durch Bewusstseinseinengung gemeint ist, konnten die TeilnehmerInnen dann auch selbst erfahren. Aufgefordert durch den Referenten, waren sie in ihren schönsten Kleidern gekommen, Männer wie Frauen. Mit Tüchern und Farben geschmückt, als würden sie ihrem Herzenspartner eine Freude machen wollen. Der Raum duftend, die Musik schmeichelnd. Allein diese kleine Intervention veränderte die Atmosphäre im Raum, weg von der Seminaratmosphäre, hin zu einem visuell-sinnlichen Genuss. So fiel es leicht, sich die Augen verbinden zu lassen, um Gegenstände zu ertasten, Geräusche zu identifizieren und verschiedene Geschmäcker auf der Zunge zergehen zu lassen. Töne und Berührungen kamen überraschend und aus wechselnden Richtungen, Düfte wechselten sich ab und verschiedene Früchte wurden nicht nur ertastet, sondern auch gerochen und zu guter Letzt gekostet. Ein Genusstraining der besonderen Art, das den Einen oder Anderen zwar nicht in Ekstase, aber doch in Begeisterung versetzte. Noch während die Teilnehmenden mit verschlossenen Augen die Auswirkungen dieser Übungen auf sich wirken ließen, zündeten die Assistenten des Übungsleiters in dem mittlerweile etwas dunkler gewordenen Raum viele Kerzen an und schmückten die Mitte des Kreises mit all den Dingen,  die die TeilnehmerInnen während der Übung aus einer anderen Sicht kennengelernt haben. Die Augenbinden wurden abgelegt, Stille und Besinnung waren im Raum und nur zögernd beendeten die Teilnehmer die Sitzung, verließen schweigend den Raum.

ln der letzten Seminareinheit wurden unterschiedliche, einfache Atemtechniken, wie sie z. B.  auch aus verschiedenen Entspannungstechniken bekannt sind, vermittelt. Anders als bei den Entspannungsverfahren sollten die Teilnehmenden bei dieser Übung die Auswirkungen auf ihr körperliches und emotionales Befinden spüren. Die TeilnehmerInnen lernten, dass es einen Unterschied macht, nur durch die Nase ein- und auszuatmen oder durch den Mund ein- und die Nase auszuatmen. „Bei der Atmung durch die Nase ist vermehrt der Kopf zu spüren gewesen, hingegen beim Einatmen durch den Mund schien der Atem aus dem unteren Teil des Beckens zu kommen“, so die Auswertung einer Teilnehmerin. Ferner erfuhren sie, dass Atemvolumen und Atemfrequenz auch die Intensität und Qualität der Wahrnehmung verändern. Es sei also nicht verwunderlich, so der Übungsleiter, wenn Ekstasetechniken oftmals auch Atemtechniken seien.

Abschluss des Workshops und zugleich Beispiel für eine weitere Ekstasetechniken bildete der Derwischtanz, bei dem sich die Tänzer über Stunden drehen und während der Drehung in Trance fallen. Der Übungsleiter, der selbst diese Tanz- und Trancetechnik von Derwischen in der Türkei erlernt hatte, führte diesen Tanz vor.

Noch schwerer als in den Stunden zuvor und mit viel Sehnsucht nach einer anderen Wirklichkeit verabschiedeten sich die TeilnehmerInnen voneinander und vom Übungsleiter und seinen Mitarbeitern.

Quellenangabe: Cyriak Schwaighofer mit Thomas A. Bauer, Goldegger Dialoge - Gesundheit ist erlernbar, GENUSS zwischen Wahn und Sinn, Tagungsband,  S. 178-191, ISBN: 3-0152-07-8